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Im Rahmen mancher Inszenierungen ist es das Publikum, das skeptisch ist und es dem Darsteller schwer macht. In anderen Inszenierungen ist es hingegen der Darsteller selbst, der sein Publikum täuschen möchte:

Die falsche Fassade

„Denken wir an diejenigen, die eine falsche Fassade oder „nur“ eine Fassade präsentieren, die sich verstellen, uns täuschen und betrügen, so denken wir an Unstimmigkeiten zwischen dem erweckten Anschein und der Wirklichkeit. Zugleich denken wir an die gefährliche Lage, in die sich diese Darsteller gebracht haben; denn in jedem Augenblick ihrer Vorstellung kann ein Ereignis eintreten, das sie entlarvt und das dem widerspricht, was sie öffentlich behauptet haben, und sie werden dadurch gedemütigt und verlieren vielleicht sogar für immer ihren guten Ruf.“ – Erving Goffman

In unserem Fall sind es die narzisstischen Persönlichkeiten, die in fast jeder ihrer Rollen stets nur eine oberflächliche und falsche Fassade darstellen, um ihr Publikum zu überzeugen.

Der narzisstische Akteur ist ein Schauspieler in jeder Lebenslage, mit der Motivation, jede Lüge zu einem überzeugenden Theaterstück zu machen.

Doch das permanente Aufrechterhalten dieser falschen Fassade stresst gehörig. Denn jeder noch so kleine Fehler kann die Fassade zum Bröckeln bringen und dem Publikum die so sorgsam versteckte Wahrheit entlarven.

Umso aggressiver reagiert der narzisstische Darsteller auf potentielle Risiken, die sein Schauspiel bloßstellen könnten.

In so einem Fall hat der narzisstische Darsteller ein gewisses Repertoire an Möglichkeiten, um seine Fassade zu schützen, wie z.B. eine Schmähkampagne gegen eine Offenlegung der Unwahrheiten zu starten.

Die Bühne verlassen

Doch ein wahrer Betrüger kann immer auf ein letztes Mittel zurückgreifen. Denn merkt dieser, dass sein Publikum sich nicht mehr täuschen lässt, wird er einfach von der Bühne verschwinden.

Ein Narzisst hat wahrlich kein Problem damit, seinen Beruf schnell und abrupt zu wechseln, seine „Freunde“ plötzlich fallen zu lassen und ehemals wichtige Menschen in seinem Leben nun gänzlich zu ignorieren.

Selten, weil diese etwas „falsch“ gemacht haben, im Sinne eines fehlerhaften Verhaltens ihrerseits, sondern weil seine Fassade drohte durch eine oder mehrere Personen aufzufliegen. 

Kann der narzisstische Darsteller nicht von der Bühne verschwinden, weil es sich dabei um die eigene Familie handelt, wird er dafür sorgen, dass der besagte Störenfried von seiner Bühne verschwindet

Ansonsten läuft der narzisstische Darsteller ernsthaft Gefahr entdeckt bzw. enttarnt zu werden:

„Entdecken wir, dass jemand, mit dem wir zu tun haben, ein Betrüger oder offenkundiger Schwindler ist, so beinhaltet diese Entdeckung, dass er nicht das Recht hatte, die Rolle zu spielen, die er gespielt hat“ – Erving Goffman.

So werden nicht nur Zweifel an dem Wahrheitsgehalt der Rolle selbst aufkommen, sondern an der Person als Individuum. „Paradoxerweise sind wir um so mehr auf der Hut, je ähnlicher die Darstellung des Betrügers der echten Darstellung ist; denn die gekonnte Darstellung dessen, der sich dann als Betrüger herausstellt, kann in unserem Bewusstsein die moralische Verbindung erschüttern, die zwischen dem Recht, eine Rolle zu spielen, und der Fähigkeit, sie zu spielen, besteht“ – Erving Goffman.

Diese Empörung setzt insbesondere bei Rollen an, die einen hohen moralischen Wert verkörpern sollten, wie z.B. die gesellschaftliche Erwartung was eine Mutter oder ein Vater tun oder nicht tun sollten. Eltern kommt die Erwartung zu Grunde, ihre Kinder schützen zu wollen. Fällt auf, dass genau diese Erwartung nicht erfüllt wurde, wie das bei Missbrauch innerhalb der Familie nun mal der Fall ist, so ist die moralische Empörung und Verurteilung des Publikums groß.

Die Person, die Mutter oder Vater darstellen sollte, ist als Mensch nun denunziert und wird keine Möglichkeit mehr haben, diesen Eindruck zu ändern – außer er wechselt das Publikum und seine Bühne. Doch im familiären Kontext ist ein „schneller“ Publikumswechsel wie im Berufsleben nicht möglich, weshalb die Wahrheit über seine unwahre Darstellung das ENDGÜLTIGE Aus seiner Fassade bedeuten würde.

Helfende Statisten & Flying Monkeys

Ein Albtraum für den narzisstischen Darsteller, weshalb den restlichen Familienmitgliedern die Aufgabe zukommt, die falschen Eltern zu schützen.

Die restlichen Familienmitglieder sind nicht einfach nur das Publikum, vielmehr spielen sie alle ihren Teil auf der Bühne. Als Statisten, Nebendarsteller oder in Sonderrollen sind sie Teil der falschen Inszenierung. Diese müssen nicht davon überzeugt werden, dass es sich hierbei um eine Täuschung handelt: Sie wissen es schon.

Die falsche Inszenierung besteht meist schon seit Jahren oder Jahrzehnten aus Lügen, Betrügereien und Manipulationen. Aber: Der narzisstische Hauptdarsteller ist nicht der Einzige, der davon profitiert. Auch andere Rollen und deren Fassaden sind von der falschen Inszenierung abhängig: Ihr Selbstbild bzw. ihre Fassade ist durch falsche Loyalität, emotionale oder finanzielle Abhängigkeiten oder Vorteile an das des falschen Darstellers gebunden: Sein Untergang wäre auch ihrer.

Diejenigen, die die falsche Inszenierung stören, sind dann entweder diejenigen, die darunter leiden und deshalb eine Veränderung anstreben oder ein Publikum, das nicht so unbedarft ist, wie sich die falschen Darsteller das erhofft haben.

Solche Darsteller, die eine Gefahr für das Offenlegen des falschen Schauspiels darstellen, haben keine Wahl: Sie müssen die Bühne verlassen. Oder sie gehen unter.

Eine falsche Inszenierung ist nur für falsche Schauspieler gedacht.

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