Für narzisstische Eltern sind ihre Kinder keine eigenständigen Individuen – Sie sind stets eine reine Projektionsfläche und ein Symbol ihrer Selbstüberhöhung oder eines maßlos verzerrten Hassbildes. Narzisstische Mütter und Väter bekommen keine Kinder, um ihnen bedingungslose Liebe zu schenken. Sie bekommen Kinder, um von ihnen geliebt zu werden. „Bedingungslos“ existiert in einem toxischen Familiengefüge mit narzisstischen Eltern nicht: So etwas wie Liebe, Zuneigung oder Anerkennung ist stets an Bedingungen geknüpft und narzisstische Eltern erwarten stets eine kritiklose Loyalität von ihren Kindern. Dabei wird jedes „Nein“, jede Abgrenzung, jede Äußerung des eigenen Willens als ein Angriff auf den Narzissten gewertet. Wie sich das in den unterschiedlichen Altersstufen äußert, möchte ich hier skizzieren.
Alter 0-2 Jahre
Im Säuglings- und Kleinkindalter sehen narzisstische Eltern ihre Kinder als natürliche Erweiterung ihrer Selbst. Sie LIEBEN den Gedanken, dass ihre Kinder sie anhimmeln und bedingungslos lieben – ohne dass sie viel dafür tun müssen. Gleichzeitig sind sie jedoch überfordert und genervt, wenn ihre Kinder ihre Bedürfnisse äußern: Mit Geschrei, dem einzigen Hilferuf eines Babys, können sie nicht umgehen, wird auch das als Angriff, Kritik und Störung aufgefasst („Du bist doch sauber und satt, was willst du denn NOCH?“). Kinder in diesem Alter haben bezaubernde Anhängsel zu sein, die den Eltern gesellschaftliche Anerkennung und Lob versprechen sollen. Jeder Aspekt, der Mühe und Arbeit bedeutet, wird deshalb mit Aggression oder Ignoranz beantwortet. Sie genießen die natürliche Abhängigkeit eines Babys, bedeutet es doch für sie Kontrolle und befriedigt ihr Ego und ihre Selbstüberhöhung („Ohne mich wärst du nichts.“)
Alter 3-5 Jahre
In dieser Altersstufe beginnen Autonomie- und Trotzphase. Kinder fangen an, ihren eigenen Willen zu formulieren und durchzusetzen. Eine Abgrenzung zu Eltern/Geschwistern findet statt. Diese Abgrenzung ist wichtig, um seine eigene Identität bilden zu können. Während das völlig gesund und erstrebenswert ist, da Kinder lernen, dass ihre Meinung und ihr Wille von Bedeutung sind – gibt es nichts Schlimmeres für narzisstische Eltern. Phasen der Autonomie und Willensbekundung bedeuten eine Bedrohung und ein Angriff auf die unantastbare Machtposition der Eltern. Ihre Kinder sollen keinen eigenen Willen entwickeln, denn das würde unweigerlich Kritik am Wesen der Eltern darstellen -etwas was nicht auszuhalten ist für einen Narzissten.
Die Phase der Warum? – Fragen – eine natürliche und wünschenswerte Entwicklung von Neugierde und Wissensdurst – wird von narzisstischen Eltern als Gefahr ihrer Autorität verstanden. Die einzige Antwort von narzisstischen Eltern scheint hier: „Weil ich es so sage!“ – ein Marker ihrer Allmacht und Autorität.
Dabei wird die Konditionierung des Kindes fortgesetzt: Ist das Kind brav, ruhig oder genauso, wie es dem Elternteil beliebt, bekommt es Anerkennung und ihre Form von „Liebe“. Handelt es entgegen dem narzisstischen Willen, wird es jedoch Ablehnung und Strafe erfahren müssen.
Alter 6-12 Jahre
Die Projektion der narzisstischen Eltern erreicht hier einen ihrer traurigen Höhepunkte: Entweder ist das Kind eine Trophäe oder eine Enttäuschung. Das Goldkind oder das Schwarze Schaf. Der Narzisst unterdrückt hier alle Lebensbereiche des Kindes: Schule, Freizeit, Freunde, Privatsphäre, Kleidung etc. – nichts ist vor den Einflüssen der narzisstischen Eltern sicher. Die gewünschte Privatsphäre des Kindes, in Form eines eigenen Zimmers oder geschlossenen Türen: Ein Kontrollverlust. Der Wunsch bestimmte Kleidung/Frisuren etc. zu tragen: Ein Kontrollverlust. Jedwede Leistung des Kindes, ob in der Schule oder im Freizeitbereich, wird entweder als eigener Erfolg verbucht (das Goldkind) oder vollständig ignoriert (Das Schwarze Schaf). In dieser Phase zeigt sich wieder einmal, dass die Fassade das Wichtigste für den Narzissten ist. Jedweder Versuch des Kindes seine eigene Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen wird als Störung empfunden und entfacht des neidvollen Konkurrenzcharakter des Narzissten.
Alter 13-19 Jahre
Was bereits angefangen hat, wird nun fortgesetzt: Die Versuche des Kindes sich unabhängig von den Eltern zu entwickeln, werden aggressiv torpediert durch Gaslighting etc. Während das Goldkind sich nun teilweise von den Privilegien seiner Überangepasstheit ausruhen darf, wird das Schwarze Schaf nun zum erklärten Feindbild. Es ist Ziel für Grenzüberschreitungen, Beleidigungen, Manipulationen und Schuldzuweisungen. Emotionen werden auch weiterhin keinen Raum gelassen und nun mit Realitätsverdrehung und Lügen beantwortet: „Du bist zu sensibel“ oder „Das bildest du dir nur ein.“ Die narzisstischen Eltern befürchten hinter jedem berechtigten Wunsch des Kindes auf Freiheit und Selbstausdruck einen Kontrollverlust und einen Angriff auf ihr labiles Ego.

Narzisstische Eltern führen einen Krieg. Einen Krieg GEGEN ihre Kinder. Statt ein sicherer Hafen für ihre Kinder zu sein, erschaffen sie Chaos und Stress – jeden einzelnen Tag. Sie profitieren von jedem Moment der Unsicherheit, der Verzweiflung und der Einsamkeit. Können sie doch so ihren Kontrollwahn stillen und ihr Bedürfnis nach Macht und Autorität.



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