Hinweis:
Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Diagnostik. Er dient der Aufklärung, Selbstreflexion und Sensibilisierung für mögliche Zusammenhänge zwischen ADHS-Symptomatik und Traumafolgen. Wenn du dich in den beschriebenen Mustern wiedererkennst, kann es hilfreich sein, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
In den sozialen Medien und der tatsächlichen Realität hat in den letzten Jahren eine auffällige Entwicklung im Selbstverständnis der Menschen stattgefunden: Die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist zu einem Trend geworden – insbesondere für Frauen.
Ob nun eine offizielle Diagnose vorliegt oder eine Selbstdiagnose stattgefunden hat – die Merkmale von ADHS sind inzwischen Teil unendlich vieler Posts und Reels geworden. Manche wollen aufklären, manche amüsieren. Die Gefahr dabei ist jedoch nicht nur ein verwässerter Umgang mit einer psychologischen Störung, sondern auch, dass immer mehr alltägliche Verhaltensmuster vorschnell der Schublade ADHS zugeordnet werden.
Auffällig ist dabei die steigende Anzahl an Frauen und Müttern, die sich im Störungsbild ADHS scheinbar wiedererkennen. Dabei galt ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) lange als typische Kinder- und Jungen-Diagnose. In den letzten Jahren zeigen epidemiologische Daten jedoch deutliche Veränderungen in der Diagnostik bei Erwachsenen:
- Steigende Diagnosehäufigkeit bei Erwachsenen
In Deutschland ist die Anzahl neu diagnostizierter ADHS-Fälle bei Erwachsenen in den letzten Jahren erheblich gestiegen. So stieg die Rate der Erstdiagnosen bei gesetzlich Versicherten zwischen ca. 2015 und 2024 von etwa 8,6 auf 25,7 pro 10 000 Personen. Dieser Anstieg entspricht einem relativen Zuwachs von fast 200 %. - Stärkere Zunahme bei Frauen
Während ADHS traditionell bei Männern häufiger diagnostiziert wurde, hat sich dieses Verhältnis in der erwachsenen Population verschoben. Insbesondere Frauen im Erwachsenenalter weisen seit einigen Jahren eine deutlich höhere Rate an Erstdiagnosen auf als in der Vergangenheit. Verschiedene internationale Studien berichten, dass der Anteil neu diagnostizierter ADHS-Fälle bei Frauen im Vergleich zu früher stärker zugenommen hat als bei Männern. - Reduzierter Geschlechterunterschied
Analysen aus den USA und anderen Ländern zeigen, dass der Unterschied zwischen den Geschlechtern bei ADHS-Diagnosen im Erwachsenenalter schrumpft, weil immer mehr Frauen diagnostiziert werden. Das bedeutet nicht notwendigerweise eine höhere „echte“ Prävalenz, sondern dürfte auch durch eine verbesserte Erkennung bei Frauen bedingt sein, denen die Störung zuvor oft übersehen wurde. - Einfluss externer Faktoren auf die Diagnoseentwicklung
In mehreren Ländern, darunter Finnland und die USA, wurde eine Zunahme von ADHS-Diagnosen während und nach der COVID-19-Pandemie dokumentiert, insbesondere bei jungen Erwachsenen und Frauen. Diese Entwicklungen könnten teilweise mit veränderten Lebens- und Stressbedingungen sowie einer erhöhten Sensibilisierung für psychische Gesundheit zusammenhängen.
Obwohl diese statistischen Trends zeigen, dass ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen — und besonders bei Frauen — deutlich häufiger gestellt werden als noch vor wenigen Jahren, ist es wichtig zu betonen:
- Eine Diagnose ist ein klinisches Instrument zur Orientierung und Behandlung, nicht das vollständige Bild einer Person.
- Diagnosen können helfen, Leidenswege zu verstehen und geeignete Unterstützung zu finden.
- Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sie zu einer gedanklichen Schublade werden, in der komplexe Erfahrungen wie chronischer Stress, Erschöpfung oder unverarbeitete Traumata verpackt werden.
Gerade bei Frauen, die belastende Lebensereignisse oder Traumata erlebt haben, kann es passieren, dass Symptome eines dauerhaft aktivierten Nervensystems — wie Konzentrationsprobleme, innere Unruhe oder emotionale Überforderung — fälschlich allein einem neurobiologischen Defizit zugeschrieben werden.
Wenn dieser Blick dann nicht um die Frage ergänzt wird, was hinter diesen Symptomen stehen könnte, laufen Betroffene Gefahr, wichtige Anteile ihrer persönlichen Heilungs- und Entwicklungsprozesse nicht zu erkennen.
Diagnosen können entlastend wirken. Sie können jedoch auch dazu führen, dass tieferliegende Erlebensmuster und Bewältigungsstrategien übersehen werden — insbesondere wenn sie unreflektiert in die mentale Kategorie „Das erklärt alles“ wandern.
Wo sich ADHS und Trauma/Trauma-Folgen ähneln
Überlappende Symptome
Forschung und klinische Beobachtungen zeigen, dass bestimmte Verhaltens- und Erlebensmuster bei ADHS und bei traumatischen Belastungen ähnlich aussehen können, darunter:
Konzentrationsprobleme & Ablenkbarkeit
Menschen mit ADHS haben häufig Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit zu halten. Ähnlich kann bei traumatisierten Personen die Konzentration durch innere Unruhe, Übererregung oder wiederkehrende Gedanken an traumatische Erlebnisse gestört sein.
Rastlosigkeit, innere Unruhe oder “Hyperarousal”
Bei ADHS äußert sich das als klassische Unruhe oder Bewegungsdrang. Bei Trauma kann das Nervensystem dauerhaft im Alarmmodus sein („fight/flight“), ohne dass eine konkrete äußere Gefahr besteht.
Impulsivität / Handlungsdruck
Bei ADHS ist Impulsivität ein Kernmerkmal. Nach Traumata kann sich ähnliches Verhalten zeigen, etwa als schnelle Reaktion auf wahrgenommene Bedrohungen oder als Versuch, unangenehme Gefühle sofort zu regulieren.
Schwierigkeiten mit Organisation bzw. Struktur
Beide können Probleme beim Planen, Priorisieren oder beim Einhalten von Routinen aufweisen. Bei Trauma kann dies durch Überforderung des Nervensystems entstehen, bei ADHS durch neurobiologische Regulationsprobleme.
Wichtige Unterschiede zwischen ADHS und Trauma/Traumabewältigung
Ursache & Entstehung
- ADHS gilt als neurobiologisch bedingte, meist genetisch verankerte Störung der exekutiven Funktionen und Selbstregulation.
- Trauma/PTSD/CPTSD ist eine Reaktion auf objektive oder subjektiv überwältigende Ereignisse, die das Nervensystem nachhaltig verändern können. Trauma verursacht kein ADHS, kann aber ADHS-ähnliche Symptome nach sich ziehen oder verstärken.
Spezifische symptomatische Merkmale von Trauma
Diese treten typischer oder vor allem bei Traumafolgestörungen auf und sind nicht typische Kernsymptome bei ADHS:
• Flashbacks/Nachtmahre – wiederholtes unwillkürliches Erleben der traumatischen Situation.
• Vermeidung/Vermeidungstrauma-Trigger – bewusstes oder unbewusstes Meiden von Erinnerungen, Orten oder Situationen, die an das Trauma erinnern.
• Übermäßige Angst & physiologische Stressreaktionen (Rennen, Herzklopfen, Muskelspannung) in Verbindung mit traumatischem Erleben.
Spezifische Merkmale von ADHS
Diese sind charakteristisch für ADHS und nicht durch Trauma allein zu erklären:
• Frühkindlicher Beginn & Entwicklung – ADHS-Symptome zeigen sich typischerweise vor dem 12. Lebensjahr und sind über mehrere Lebensbereiche hinweg stabil.
• Anhaltende exekutive Dysregulation – auffällige Probleme mit Arbeitsgedächtnis, Zeitmanagement und Aufgabenkontinuität über die Lebensspanne.
• Familiäre Häufung / genetische Komponenten – ADHS weist eine starke genetische Komponente auf, die über Generationen beobachtbar ist.
Komorbidität & Wechselwirkungen
ADHS und Traumafolgestörungen können gleichzeitig auftreten, und zwar häufiger als man denkt:
- Studien zeigen, dass Personen mit ADHS deutlich häufiger auch PTSD-Symptome aufweisen als Personen ohne ADHS. Die relative Wahrscheinlichkeit für PTSD bei ADHD-Betroffenen war in einigen Studien deutlich erhöht.
- Ebenso kann eine belastende Kindheit mit mehreren traumatischen Erfahrungen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, ADHD-Symptome zu entwickeln, oder bestehende Symptome zu verschärfen.
Das heißt: Nicht nur Überschneidung, sondern häufige Co-Existenz und gegenseitige Verstärkung sind klinisch relevant.
Behandlungsmethoden
Während ADHS in der Regel medikamentös behandelt wird, mit einer psychotherapeutischen Begleitung, liegt der Fokus in der Traumatherapie häufig auf psychotherapeutischen Verfahren mit körper- und nervensystemorientierter Regulation, um die belastende Erfahrungswelt des Individuums zu erleichtern.
Dementsprechend wichtig ist es, hier die die richtige Diagnose zu stellen, da sich Behandlungen und Umgang deutlich voneinander unterscheiden.
Gleichzeitig gilt es sich bewusst zu machen, dass das Thema „Trauma und ADHS“ überaus komplex ist durch die vielen Überschneidungspunkte und der Tatsache, dass es Co-Existenzen gibt, da sich ADHS und Traumata im Rahmen eines instabilen oder gewalttätigen Familienumfeldes gegenseitig begünstigen können.
Die Frage ist nun, wie kann man ADHS und die Folge eines unverarbeiteten Traumas im Erwachsenenalter voneinander unterscheiden?
Hierzu möchte ich vier Fallbeispiele nennen, um einen ersten Überblick zu geben. Erkennst du dich vielleicht sogar in einem der Beispiele wieder?
Beispiel-Fallbeschreibungen: ADHS, Trauma & Überschneidungen
Fall 1: ADHS – früh sichtbar, kontextübergreifend
Anna, 34 Jahre, Marketingmanagerin
Anna beschreibt sich seit ihrer Kindheit als „zerstreut“. Schon in der Grundschule fiel es ihr schwer, still zu sitzen und Aufgaben zu Ende zu bringen. Lehrer*innen beschrieben sie als intelligent, aber unkonzentriert. Auch im Erwachsenenalter erlebt sie anhaltende Schwierigkeiten mit Zeitmanagement, Vergesslichkeit und Priorisierung – unabhängig davon, ob sie sich sicher oder gestresst fühlt.
Ihre Symptome:
- Konzentrationsprobleme seit der Kindheit
- starke Ablenkbarkeit, auch in ruhigen Situationen
- chronische Schwierigkeiten mit Planung und Struktur
- familiäre Häufung ähnlicher Symptome
Einordnung:
Die Symptome sind früh begonnen, stabil über verschiedene Lebensphasen hinweg und nicht an belastende Ereignisse gebunden. Das spricht eher für eine klassische ADHS-Symptomatik.
Fall 2: Trauma – Symptome als Reaktion auf Belastung
Miriam, 39 Jahre, Mutter von zwei Kindern
Miriam funktionierte viele Jahre „problemlos“. Erst nach der Geburt ihres zweiten Kindes traten starke Erschöpfung, innere Unruhe und Konzentrationsprobleme auf. Sie fühlt sich schnell überreizt, vergisst Termine und ist emotional schneller überwältigt. In ihrer Kindheit erlebte sie emotionale Vernachlässigung und übernahm früh Verantwortung für ihre Eltern.
Ihre Symptome:
- Konzentrationsprobleme vor allem unter Stress
- innere Unruhe, Schlafprobleme, erhöhte Schreckhaftigkeit
- starke emotionale Reaktionen auf scheinbar kleine Auslöser
- kaum Schwierigkeiten mit Fokus in sicheren, ruhigen Phasen
Einordnung:
Die Symptome traten nicht lebenslang, sondern im Zusammenhang mit Überforderung und alten Belastungen auf. Sie sind situationsabhängig und gekoppelt an ein dauerhaft aktiviertes Stress-Nervensystem – typisch für unverarbeitetes Trauma.
Fall 3: Überschneidung – ADHS und Trauma
Laura, 42 Jahre, selbstständig
Laura erhielt mit 38 Jahren eine ADHS-Diagnose. Viele Symptome passten: Zerstreutheit, Impulsivität, Reizoffenheit. Gleichzeitig berichtet sie von einer Kindheit mit unberechenbaren Bezugspersonen und chronischer Unsicherheit. In stressigen Phasen eskalieren ihre Symptome deutlich stärker, als es allein durch ADHS erklärbar wäre.
Ihre Symptome:
- lebenslange Aufmerksamkeitsprobleme
- starke emotionale Dysregulation bei Nähe, Kritik oder Konflikt
- Phasen von Übererregung, Rückzug oder Erschöpfung
- ADHS-Medikation hilft bei Fokus, nicht aber bei emotionaler Überforderung
Einordnung:
Hier liegen beide Ebenen vor: eine neurobiologische ADHS-Grundlage und traumabedingte Stressreaktionen. Eine rein symptomorientierte Behandlung greift zu kurz.
Fall 4: Die „Schublade“ – wenn die Diagnose Heilung blockiert
Sophie, 36 Jahre, Erzieherin
Sophie erhält nach einem Burnout eine ADHS-Diagnose. Sie empfindet zunächst Erleichterung: Endlich eine Erklärung. Mit der Zeit beginnt sie jedoch, jede Überforderung ausschließlich als „ADHS-Problem“ zu interpretieren. Ihre Geschichte von emotionalem Alleinsein, Grenzüberschreitungen und Daueranspannung bleibt unbeachtet.
Ihre Gedanken:
- „Ich bin halt so.“
- „Das ist mein Gehirn.“
- „Das kann man nicht ändern.“
Einordnung:
Die Diagnose wird zur Identität, nicht zum Werkzeug. Die eigentliche Frage – was ihr Nervensystem gelernt hat, um zu überleben – bleibt unbeantwortet. Heilung wird nicht unmöglich, aber erschwert.
Die Geschichten zeigen: Eine Diagnose kann Orientierung geben – kann entlasten, erklären und Struktur schaffen. Aber: Sie kann auch zu einer Blockade werden, wenn wir beginnen, unser gesamtes Erleben in eine Schublade zu pressen. Wenn wir beginnen, jedes Verhalten zu analysieren und zu deuten, um uns selbst in einen festen Rahmen zu pressen, kann genau das zur Blockade werden.
Menschen und ihre Geschichten sind komplex. Gerade bei Frauen mit belastenden Lebensgeschichten lohnt es sich, nicht nur zu fragen was Symptome sind, sondern warum sie entstanden sind – und ob sie vielleicht weniger über ein „defektes Gehirn“ aussagen als über ein Nervensystem, das zu lange stark sein musste.

Ein Moment der Selbstreflexion
Die folgenden Fragen dienen nicht dazu, dir selbst eine Diagnose zu stellen.
Sie sind eine Einladung, innezuhalten und genauer hinzuspüren.
- Wann sind meine Symptome besonders stark –
in Zeiten von Stress, Überforderung und emotionaler Nähe?
Oder auch dann, wenn mein Leben ruhig und sicher ist? - Gab es in meiner Kindheit oder Jugend längere Phasen von Unsicherheit, emotionaler Vernachlässigung oder dem Gefühl, funktionieren zu müssen?
- Habe ich mich schon früh angepasst, Verantwortung übernommen oder gelernt, meine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen?
- Fühlen sich meine Konzentrationsprobleme eher an wie
Zerstreutheit – oder wie ein Nervensystem, das ständig auf Empfang steht? - Werden meine Symptome stärker, wenn ich mich kritisiert, bedroht oder allein gelassen fühle?
- Hilft mir eine Erklärung wie „Ich habe ADHS“, mich besser zu verstehen –
oder führt sie manchmal dazu, dass ich meine Geschichte nicht weiter hinterfrage?
Fazit
Dieser Beitrag soll nicht verurteilen, nicht verneinen, aber auch nicht alles bejahen. Wie so oft liegt die Wahrheit nicht in einem Entweder-oder, sondern in einer Realität, die jede Geschichte und jede Krankheit individuell betrachtet und in seiner Vielschichtigkeit akzeptiert. Die Diagnose ADHS soll keine Schublade sein, in der man sich selbst gefangen hält, sondern ein Ansatz, der helfen kann. Aber nicht für jeden ist diese Diagnose die richtige, insbesondere vor dem Hintergrund, dass viele Frauen unter chronischer Überlastung, Care-Arbeit und emotionalem Dauerstress stehen.
Diagnosen können Wegweiser sein.
Doch Heilung beginnt oft dort, wo wir bereit sind, tiefer zu schauen als bis zum Etikett.



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