Narzissmus ist in aller Munde. Wer auf Social Media unterwegs ist, weiß, dass Begriffe wie „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ und das dazugehörige toxische Verhalten, wie Gaslighting oder „Flying Monkeys“ längst zu einem allgegenwärtigen Wissen geworden ist.

Unzählige Creators, Videos und Posts beschäftigen sich mit Narzissmus in Beziehungen, Familien, auf dem Arbeitsplatz. Und: Menschen erzählen von ihren (leidvollen) Erfahrungen mit emotionalem, seelischem, psychischem, gewalttätigem Missbrauch. Und noch mehr ziehen Konsequenzen daraus: Erwachsene Kinder brechen den Kontakt mit ihren Eltern ab. Paare trennen sich.

Was sich jedoch auch immer wieder zeigt: Menschen banalisieren narzisstischen Missbrauch. Kritisieren, dass das Label „Narzissmus“ nun jedem angeheftet wird. So viele Narzissten, die es dann geben müsste – das kann ja nicht sein. Oder?

Objektiv betrachtet, kann nicht jeder schwierige Ex-Partner oder ein nerviger Kollege ein Narzisst sein. Nicht jeder hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Aber: Narzisstisches Verhalten und Menschen mit starken narzisstischen Tendenzen scheinen überpräsent geworden zu sein. Nehmen wir deshalb die Anschuldigungen ernst und hören uns die Geschichten Opfer emotionalen Missbrauchs an, stellen wir fest: Nicht jeder kann ein Narzisst sein, aber verdammt viele.

Woran liegt das?

Dazu möchte ich das Thema nicht aus einer zwischenmenschlichen, sondern aus einer gesellschaftlichen Perspektive betrachten. Und hier stellt sich die Frage, wo taucht das Thema „narzisstischer Missbrauch“ besonders häufig auf?

Die Antwort: in Deutschland und im amerikanischen Raum. Sehen wir uns die gesellschaftlichen Strukturen beider Länder an, macht das durchaus Sinn. So sind beide individualistisch geprägte Gesellschaftsmodelle. Das bedeutet, das Individuum bzw. das Wohl des Individuums steht über der Gemeinschaft. Jeder kann sich hier frei ausleben, frei ausdrücken, frei entfalten.

Aber: Das Individuum muss auch nicht zwingendermaßen etwas zur Gemeinschaft beitragen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden.

Zum Vergleich: Skandinavische und asiatische Länder leben dieses Gesellschaftsmodell nicht aus. Hier steht das Wohl der Gemeinschaft über dem des Individuums. Es ist nicht nur wichtiger, sondern wird erwartet, dass sich der Einzelne in seiner Gemeinschaft engagiert. In Norwegen ist es selbstverständlich, dass sich schon junge Menschen ehrenamtlich engagieren. Der Gemeinschaft etwas zurückgeben, freiwillig – das ist hier selbstverständlich. Wer das nicht tut, der fällt negativ auf.

So mag es nicht überraschen, dass solche Gesellschaften kein außerordentliches Problem mit Narzissmus zu haben scheinen. Natürlich haben auch solche Modelle ihren Nachteil, der ganz besonders in Asien auffällt. Hier fällt das Individuum, das seinen Teil nicht beitragen kann, z.B. aus gesundheitlichen Gründen, schlicht vom Radar. Insbesondere Menschen mit langwidrigen Krankheiten oder psychischen Krankheiten fallen aus dem System: Sie existieren nicht – außer sie haben genügend Geld, um weiterhin Teil der Gemeinschaft sein zu dürfen.

Während also ein altruistisches Gesellschaftsmodell keinen nennenswerten Narzissmus hervorzubringen scheint, haben Länder mit individualistisch geprägten Gesellschaftsmodellen offensichtlich ein Problem mit ebendiesem. Aus dieser Perspektive betrachtet, erscheint es nur logisch. Denn ist Narzissmus nicht einfach eine negative Erweiterung des Individualismus?

In einer Gesellschaft, in der die Gemeinschaft über dem Individuum steht, würde ein narzisstisches Verhalten direkt auffallen – und stören. In einer Gesellschaft, in der der Einzelne für sich alleine steht, jedoch keineswegs.

Aus dem Grundgedanken der freien Persönlichkeitsentfaltung ist Rücksichtslosigkeit und Ignoranz gegenüber der Gemeinschaft geworden. Ganz nach dem Motto: Ich bin mehr wert als mein Gegenüber.

Die Antworten auf Fragen, warum Narzissmus besonders in Deutschland zu einem relevanten Thema geworden ist, finden sich auch in einer historischen Betrachtung. Die Nachkriegsgeneration, die Großeltern und Ur-Großeltern unserer Generation war schlichtweg mit Überleben beschäftigt.

Der Alltag hat keinen Raum gelassen für Reflektion und einem angemessenen, liebevollen Umgang mit den eigenen Kindern.

Aus bedingungsloser Liebe wurde emotionale Kälte.

Aus Trauma Desinteresse am Leben anderer.

Aus starren Rollenverteilungen ungesunde Hierarchien, die keine Reflektion oder angemessene Kritik erlaubt haben.

Und die Erwachsenen ließen ihre Kinder an ihrem Dilemma teilhaben: Es ging immer nur ums Überleben.

Aus dieser Generation sind Erwachsene entstanden, die zwar „überlebt“ haben, aber keine echte Liebe erfahren durften. Ihre Bedürfnisse haben keine Rolle gespielt. Diese Erfahrung haben sie wieder mit der nächsten Generation geteilt – und der Kreis schließt sich: So ging es irgendwie immer nur darum zu überleben.

Jetzt geht es für viele Menschen darum einen narzisstischen Partner, eine narzisstische Mutter, einen narzisstischen Vater, eine narzisstische Schwiegermutter, narzisstische Geschwister, narzisstische Arbeitsverhältnisse zu überleben. Irgendwie mit dem Leben weitermachen, wenn das, was existenziell und eigentlich selbstverständlich sein sollte, vorenthalten und als Waffe eingesetzt wird: Liebe.

Während andere Gesellschaften Anteilnahme und Fürsorge für die Schwächsten als stillschweigendes Gesetz des respektvollen Miteinanders integriert haben, lässt sich hier nur ein verzerrtes Bild einer fragilen Gesellschaft erkennen.

Wer sich als Opfer narzisstischen Missbrauchs „outet“ sieht sich der Gefahr genau dafür kritisiert zu werden. Wenn Kinder keinen Kontakt mit ihren Eltern möchten, ist das die Schuld der Kinder. Wenn sich jemand nach jahrelangem Missbrauch von seinem narzisstischen Partner trennt, wird er auch noch Jahre nach der Trennung denunziert oder gerichtlich verfolgt. Schlussendlich findet also genau das statt, was bei narzisstischem Missbrauch der Fall ist: eine offensichtliche Realitätsverdrehung und falsche Schuldzuweisungen. Täter, die immer unschuldig sind. Opfer, die zu sensibel sind.

Narzissmus ist kein Problem, dass nur in einzelnen Familien vorkommt, dass nur bestimmte Personen treffen mag: Narzissmus ist ein gesellschaftliches Problem.

Narzissmus ist ein Teil der Gesellschaft.

Nein, nicht alle sind Narzissten, aber sehr viele.

Die Frage bleibt: Wie finden wir heraus aus einem Leben, das vom Überleben geprägt ist, und aus einem Verantwortungsgefühl, das nie wirklich uns gehört hat?

Einfache Antworten gibt es nicht – nicht bei Strukturen, die so tief reichen. Aber es gibt Wege. Und sie beginnen oft leiser, als wir denken. Sie beginnen bei uns.

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